
Ich sitz an einem orangenen Plastiktisch auf einem ebensolchem Hocker. Vor mir liegt eine Karte mit farbenfrohen Bildern der unterschiedlichsten Gerichte; darunter malayische, chinesische, thailaendische und vietnamesische. Der Himmel ist dunkelblau, die Sonne geht unter. Die Tische um mich herum sind allesamt belegt, einige junge Maedchen, knapp bekleidet, andere Familien, einige Muetter mit Kopftuch. Der Blick die Strasse hinunter wird von den Seiten mit roten Lampignons geziert, ein paar Taxen fahren die Strasse hinunter und am Himmel brechen jetzt die Wolken auf, so dass der Himmel teils von der fruehen Abendsonne beleuchtet und teils bedrohlich dunkel ist. Hier unten ist es laut vom Stimmgewirr, die Bedienungen an den Imbissbuden rufen sich lautstark die Bestellungen zu, man hoert das Brutzeln von Satayspiessen, Schinken und alle jede erdenkliche Art von Fisch und Meeresfruechte auf dem Grill. Die Luft ist warm und erfuellt von Essengeruechen und Oel. Ich habe Chicken Noodles bestellt, dazu Chrysamtemen-Tee, man weiss ja nie. Ich sitze im Anzug dort, komme gerade von meinem ersten Arbeitstag, der Tag war gut, die Kollegen sind nett, aus dem Fenster im 47. Stock der Menara Islamic Bank sehe ich die Petronas-Zwillingstuerme. Die Tuerme uebertreffen unser Tuermchen bei Weitem und bestehen scheinbar nur aus Stahl und Glas. Am Abend beginnen die Tuerme zu leuchten und rundherum leuchtet mit ihnen der Nachthimmel.
Nach der Arbeit bin ich ein paar hundert Meter zur Bahn gelaufen, bin in Bukit Bintang nach zwei Stationen wieder ausgestiegen, dort befindet sich das Herz der Stadt, Einkaufszentren, Essensstaende und kleine Verkaufslaeden auf den Strassen. Dann geht man nur einige hundert Meter und landet in der Jalan Alor, meiner Lieblingsstrasse, in der ich mich an den orangenen Tisch gesetzt habe.
Nur ein paar Meter weiter befindet sich mein Condominium, ein Hochhaus mitsamt Schwimmbad, Tischtennisplatte, Squashraum und Fitnessstudio. Im 22. Stock oeffne ich die Tuer, zwei halbnackte Hollaender grinsen mich an, sitzen mit ihren Laptops im Wohnzimmer und gucken sich die zweite Staffel von O.C. California an. Wir sitzen zusammen, rauchen, und unterhalten uns darueber, dass unser Nachbarzwist fern weg in Europa totaler Quatsch ist. Waehrend ich belehrt werde, dass die Nazis angeblich Fahrraeder im zweiten Weltkrieg in Holland geklaut haetten, duerfen sich die beiden anhoeren, dass es im Wohnzimmer aussieht wie in einem Wohnwagen, danach wird Squash gespielt und die Lieder „Schade Deutschland, alles ist vorbei“ und „Ohne Holland fahrn wir zu WM“ werden angestimmt. Danach gehen wir in der Jalan Alor nochmal essen und keine 100 Meter weiter in der Chankat Bukit Bintang befinden sich diverse Nachtclubs und Bars, in denen man gemuetlich oder auch weniger gemuetlich auf Dachterrassen dicht gedraengelt zwischen haufenweise Expatriats Bier und Cocktails trinken kann.
Nach den Arbeitstagen kommt selten Langeweile auf. Entweder gehe ich mit Kollegen von der Arbeit abends aus oder ich gehe bei Gelegenheit ins Sanghei Wang, ein billiges Einkaufszentrum, das direkt an meine Monorailstation Bukit Bintang angebunden ist. Mein Vermieter, mit dem wir uns die Wohnung teilen, ist ein junger chinesischer Malaye, etwas andersherum, sehr nett und ordentlich, aber das sollte er auch sein, da andauernd drei halbnackte Europaer bei ihm im Wohnzimmer sitzen. Der Vormieter meines Zimmers ist ein Englaender, der an einem Wochentag, besser gesagt nachts um 4 an einem Mittwoch, gleich sechs Prostituierte nach Hause brachte, die er biertrinkend auf dem Wohnzimmertisch probetanzen liess. Als die Damen nach Geld fragten bestand er darauf, keinen ihrer Dienste in Anspruch genommen zu haben, daher klopften die Damen die anderen Mitbewohner wach, die Kaaskoeppe gesellten sich interessiert mit einem Bier dazu und durften sechs thailaendische Damen bestaunen, die wuetend auf Geld bestanden und mit Bierdosen um sich warfen. Gluecklicherweise wurde auf Grund dieses Vorfalls mein Zimmer frei und so darf ich, leider ohne die Damen, aber mit unseren freundlichen Nachbarn aus dem Wohnwagenland, das Wohnzimmer teilen.
Kuala Lumpur ist sicher nicht typisch fuer Malaysia. Ich bin nun einige Male mit dem Bus durchs Land gefahren, allerdings immer nur die Strecke nach Singapur und zurueck. Neben der modernen Autobahn sieht man kilometerweit Palmenplantagen, aus denen Oel gewonnen wird, die Landschaft ist dementsprechend gruen, das Land, zumindest vom Blickwinkel der Autobahn aus, modern. Ich berichte ungern von den Eindruecken derjenigen Expats, die schon mehr von Malaysia gesehen habe und mache mir lieber selbst einen Eindruck. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich sehr wenig ueber dieses Land wusste und KL fuer sich betrachtet, ist eine Stadt, in der man wenig vermissen muss, wenn man sich das entsprechende Leben denn leisten kann. Damit sage ich ganz bestimmt nicht, dass mir diese Stadt meine Familie ersetzt oder sechs Thailaenderinnen meine Freundin oder die Kaaskoeppe, meine Freunde in Hamburg, Chennai, Mumbai, Koeln, Duesseldorf und wen auch immer ich jetzt vergessen haben sollte. Aber leben laesst es sich hier allemal komfortabler als in Chennai. Und der Fakt, dass Malaysia ein muslimisches Land ist, fuehrt einem wunderschoen, zumindest in KL vor Augen, dass wir in unterschiedlicher Religion modern, friedlich und freundschaftlich zusammenleben koennen. Sogar mit Hollaendern.
Bald mehr.
