Mittwoch, 11. März 2009


Wenn man mal zur Abwechslung schoene Schweinesalami und Schwarzbrot zu Knabbern bekommt, merkt man mal wieder was man vermisst. Normalerweise lautet meine Antwort auf die Frage’Nein’ oder zumindest ’Nicht viel’. Das ist in KL auch einfacher zu sagen, als noch in Indien. Klar, Freunde, Familie, Freundin, ob nun in Australien, Deutschland oder Singapur – aber ansonsten? Ja, eben manchmal das Essen. Einziges Problem dabei ist, dass ich eigentlich nur noch dann Magenprobleme bekomme, wenn ich deutsches oder westliches Essen zu mir nehme. Es gibt aber immerhin Schweinefilet sehr guenstig hier im Supermarkt, auch wenn man das gesondert bezahlen muss, damit die Kassiererin dieses nicht in die Hand nehmen muss.


Das Nachtleben ist vergleichbar mit Deutschland, die auslaendischen Gruppen sind klein und ueberschaubar, die Westler sind sehr aufgeschlossen, aber um einheimische Freunde zu finden, mit denen man nicht zusammenarbeitet, faellt mir zur Zeit noch schwerer. Von vielleicht sieben Wochenenden war ich allerdings auch drei oder vier nicht in KL, habe einmal einen Freund aus Indien (naemlich Thomas aus Paderborn) in Singapur besucht und am vorvergangenen Wochenende kam dann Ansgar aus Chennai hier vorbei. Wie erwaehnt laesst sich das Leben nicht wirklich mit Indien aber auch nicht mit Deutschland vergleichen. Der Lebensstandard ist eher europaeisch, die Menschen sehen aber dennoch recht asiatisch aus. Die Gruppen unterteilen sich meist sauber in Westler, Inder, Chinesen und Malayen, mit Ausnahmen natuerlich, aber ich denke, ich habe das schon erwaehnt. Eine gute Seite an der Arbeit ist, dass ich auf viele Abendevents gehe und dort eine Menge Leute kennenlerne. Der Rest der Deutschen kommt sowieso in der Kammer vorbei. Eingerichtet habe ich mich insofern, als dass ich ein geniales Buegeleisen gekauft habe – in Indien konnte man allerdings die Hemden noch fuer wenige Cents zum Buegelmann geben. Nach ueber einem Jahr ohne eigenes Kochen, habe ich entdeckt, dass die Supermaerkte nahezu alles anbieten, was man zum Kochen braucht und unsere WG-Kueche ist vor dem Kochen auch sauber und gut ausgeruestet. Schotte, Russe und chinesischer Malaysier sind als Mitbewohner super, sehr ruhig und angenehm und so finden wir uns haeufig alle auf dem Sofa im Wohnzimmer mit Laptop ein, sitzen, reden oder schweigen zusammen. Die Welt um den Condo herum ist lebendig, farbenfroh, war einst als Rotlichtviertel bekannt und erhaelt seinen Scharm von Bars, Clubs, Strassenrestaurants, Massagesalons, Abzockerparkplaetzen, alten chinesichen Zuhaeltern, kleinen Strassenlaeden und dem ganzen Volk, das sich hier tummelt. Es mutet seltsam an, wenn ich, der hier sogar gross wirkt, mit Hemd und Krawatte von der Arbeit komme und mich zielstrebig durch die Menschenmengen schlaengele. Ich passe hier nicht hinein, falle auf und geniesse dieses Gefuehl. Nicht bloss, dass mich chinesische Maedchen und sogar die Malayinnen mit Kopftuch gelegentlich anlaecheln oder dass Leute, mit denen man spricht, sich besonders fuer einen interessieren. Wobei, vielleicht ist es gerade das. Vielleicht sind gar nicht die Menschen hier so sehr anders, sondern man selbst ist ein Fremdkoerper in dem Ganzen und man lebt in einem Umfeld, das diesen Fremdkoerper eben nicht gewohnt ist. In Hamburg wundert man sich ueber niemanden so richtig, Menschen jeglicher Hautfarbe gehoeren zum Stadtbild und machen die Stadt gerade aus. Ich bemerke immer wieder, wie schnell ich Deutsche hier einschaetzen kann, anhand des Dialekts, der Art und Weise wie man spricht. Vielleicht vermitteln gerade die Gespraeche auf Englisch, in denen man den anderen erst ganz langsam einzuschaetzen weiss, mir das Gefuehl, dass auch dieser Aspekt interessanter ist. Sicher lernt man in einer Beziehung, die man nicht in der Muttersprache fuehrt, den anderen ganz anders kennen, auch weil die Staerke der eigenen Muttersprache und der gesamten Kommunikation nicht zum Tragen kommt. Dazu kommen andere Werte, eine andere Kultur – also ein kompett anderes Weltbild.


Ein etwas zweifelhaftes Gespraech fuehrte ich gestern im Taxi mit einem Tamil-Malaysier. Als er naemlich meine Nationalitaet erfragt hatte, sagte er, die Muslime wuerden die Deutschen moegen, da sie staendig gegen den Krieg der Amerikaner und Briten seien. Ich merkte dann pflichtgemaess die Weltkriege an, aber das bestaerkte ihn in seiner Argumentation... . Dann las ich am spaeteren Abend aber im Spiegel, dass die iranische Frauennationalmannschaft praktisch verschleiert ein Freundschaftsspiel gegen die deutsche Mannschaft ausrichten moechte. Klingt ersteinmal seltsam, aber dann folgte der Zusatz, dass man gegen eine Spitzenmannschaft aus einem Land spielen wolle, das die eigenen Werte akzeptiere und respektiere. Mich versoehnte das ein wenig, und liess mich die aergerliche Unterhaltung mit dem Taxifahrer vergessen.


Ohnehin sei zur Kultur beispielshaft das Nachfolgende aufgefuehrt, naemlich dass meine Freundin unlaengst einwilligte, dass ich das chinesiche Neujahr mit ihrer Familie begehen duerfe. Unser Wochenende in KL ueber gingen wir viel spazieren, assen gut und lange, unterhielten uns viel und tranken am Abend in der Skybar mit Blick auf die Zwillingstuerme Mojito und ich natuerlich Bier. Ich muss scheinbar soviele Punkte ueber dieses Wochenende gesammelt haben, dass sie mich blind und unter Entsagung jeglicher Vernunft zu dem groessten Familienevent einer chinesischen Grossfamilie nach Singapur nahm. Ich, der dreimal angesprochen hatte, dort mithin zu koennen (ja sogar zu wollen), erstarrte erst dann zur Salzsaeule, als ich erkannte, dass eine chinesische Grossfamilie zwar nicht in Centimetern, aber doch ihrer Anzahl nach, die gewohnte Europaeische bei Weitem ueberragt und all jene standen also nun im Hintergarten bei Omma und fragten sich, wen die leicht rebellische Schwester, Tochter, Nichte, Cousine, Enkelin oder so denn da nun anschleppe. Zuvor hatte man bei Facebook sich ein wenig schlau gemacht und auch der Bruder wurde ausgefragt, der den weissen Fremdling schon einmal gesehen hatte, allerdings – und das vereinfachte die Situation im Laufe des Abends nicht gerade – erinnerte er sich nur noch an den Namen und verwurstete diese Informationen gleich zweimal, naemlich eben fuer den Namen und aber auch gleich fuer die Herkunft, in dem er erwaehnte, der gute Herr kaeme aus Johannesburg. Nein, dass ich weiss und nicht schwarz sei vermochte er noch aufzuklaeren, aber die Sorge, dass die Weissen aus Johannesburg vielleicht ebenfalls arm waeren, liess sich erst spaeter beheben beziehungsweise wurde die Frage nicht mehr relevant. Nun denn, gerade aus dem Taxi ausgestiegen schwallte das Stimmgewirr zu uns herueber und mir wurde ganz anders, da ich ja nun schlauerweise erst jetzt bemerkte, dass die Familie etwas groesser als gedacht. Und eben diese Erwartungshaltung. Wie lange hatte ich so etwas nicht mehr? Spaeter am Abend, nach all den verwunderten Gesichtern, die mir begegneten, wenn ich erwaehnt hatte, dass ich aus Deutschland komme, sass ich dann bei Cocktails und Wein mit einigen aus der Familie am Tisch, man berichtete von Europareisen und wir sprachen von Singapur, Malaysia und der Welt. Zuvor durfte ich erfahren, dass eine Grossfamilie den Nutzen hat, dass einem rund 60 Haende und 30 Muender behilflich sein koennen, Essen und Getraenke zu bringen und dasselbe auch zu erlaeutern und sich zu erkundigen, wie es denn munde und wie einem Singapur denn gefalle. Nachts um drei wurde ich dann aus dem Schlaf gerissen, wir fuehren nun nach Chinatown, die Kekse und alles andere seien jetzt im Ausverkauf und die Touristen endlich weg und so liefen Vater, Mutter, Bruder, Schwester, beinahe wie in jedem Jahr – bloss eben mit Johannesburger Anhang – durch das mit Verpackungsresten vermuellte Chinatown, das doch im ach so sauberen Singapur eines der Herzstuecke bildet. Alle waren wohl ein wenig stummer als man es vermutlich sonst ist, alle ein wenig unangenehm beruehrt, aber freundlich bemueht, mich das nicht spueren zu lassen. Herzlichkeit ist, (und ich verabscheue ansonsten zu definieren, weil man immer falsch liegt und wer ist man denn schon, der man sich anmasst, etwas auf den Punkt bringen zu koennen) also Herzlichkeit ist, in diesem Moment, aus Respekt vor dem Familienmitglied jemanden in dieser Gemeinschaft aufzunehmen, sich zu bemuehen, dieser Person ein Zuhause zu schenken, es an der Familie teilhaben zu lassen. Kant wuerde vielleicht sagen ‚aus Pflicht’. Und das waere sein groesstes Kompliment. Wenn ich mich denn richtig erinnere...

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